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In vierzig Räumen auf zwei Etagen und 6.500 qm kann sich die Sammlung Grothe zum Jahrtausendwechsel in Berlin parallel zur Jahrhundertschau der staatlichen Museen präsentieren. Einen besseren Zeitpunkt und einen zuträglicheren Rahmen als den nun abschließend renovierten Martin-Gropius-Bau, lassen sich kaum denken. Der Unternehmer Hans Grothe nahm sich die legitime Freiheit des Privatsammlers zu einer sehr subjektiven, durch persönliche Bekanntschaften und Vorlieben begründeten Auswahl, die sich auf Düsseldorf und das rheinische Umfeld konzentriert. Die Veranstalter der Gemeinschaftsinitiative, die Berlinische Galerie, das Kunstmuseum Bonn und die ebenfalls dort ansässige "Stiftung für Kunst und Kultur", stellten aus einem Fundus von insgesamt 700 in den letzten vierzig Jahren zusammengetragenen Werken hier 250 Arbeiten von zwanzig Künstlern zusammen. Klassisch-ausgewogen präsentiert, bieten sie eine in der Gesamtheit beeindruckende Qualität. Die Ausstellung lässt sich als Ergänzung zur offiziellen Jahrhundertschau verstehen, beleuchtet sie doch die vitalste Szene der bundesrepublikanischen Nachkriegskunst, allerdings ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Denn als Sammler verfolgt Grothe das Konzept, sich auf wenige Künstler zu konzentrieren, diese zum Teil über Jahre zu begleiten und ganze Werkgruppen zu erwerben. So werden seine "Haupthelden" in Berlin auch räumeweise vorgeführt. An der Spitze mit jeweils vierzig Werken stehen Baselitz, der unter anderem hervorragend mit frühen Bildern vertreten ist, und Lüpertz. Es folgen Kiefer und Richter, von denen zwanzig und mehr Arbeiten zu sehen sind, sowie Knoebel und Trockel mit immerhin noch einem Dutzend Werknummern. Obwohl es einst Polke war, der dem durch gemeinsame Kneipennächte in Düsseldorf vertrauten Bauunternehmer dazu verhalf, die Schwelle zur zeitgenössischen Kunst zu überschreiten, ist er hier keineswegs repräsentativ vertreten. 1973 hatte Grothe dessen Ausstellung "Original + Fälschung" komplett angekauft und damit den Grundstock zur Sammlung gelegt. Diese etwa dreißig Teile sind zwar in erstaunlicher Frische zu bewundern und dazu auch ein Schlüsselwerk wie "Entartete Kunst" von 1983. Darüber hinaus wird jedoch der Facettenreichtum von Polkes Werk nicht vermittelt. Im Gegensatz zu den vollmundigen Ankündigungen, hier würden von zwanzig Künstlern Mini-Retrospektiven geboten, werden tatsächlich nur bestimmte Akzente gesetzt und das gilt für die Mehrzahl der Ausstellungsteilnehmer.
Beuys etwa ist mit einigen Schultafeln blass vertreten. Von Balkenhol über Darboven bis Graubner und Ru thenbeck findet sich jeweils nur ein Werk, allerdings ein mehrteiliges. So besteht Graubners Zyklus "Assisi" von 1986 aus vier wunderbar farblich differenzierten Großformaten, die den Raum spielend zum Schwingen bringen. Überzeugend ist auch die Auswahl bei Rebecca Horn mit vier sehr konzisen Arbeiten, darunter "Hydra Piano/Alles im Fluß", bei dem 2,5 Liter fluktuierendes Quecksilber den Blick fesseln. Ein gemeinsames Kriterium, in dem sich der subjektive Blick des Sammlers niederschlägt, lässt sich an den Werken kaum ablesen. Außer vielleicht, dass diese Privatsammlung fast durchweg öffentlichen Charakter besitzt, beispielsweise durch raumbeherrschende Zehn-Meter-Formate wie von Penck, Lüpertz oder Kiefer. Auch fällt immer wieder die Prägnanz einzelner Arbeiten und eine schnörkellose Lakonik auf. So überrascht Rückriem mit "100 Stahlkugeln", die im Raum verteilt den erweiterten Skulpturbegriff der 70er Jahre augenfällig machen. Großfotos von Katharina Sieverding weisen ihrerseits auf dieses neue Medium hin. Eindeutig feiert die Ausstellung jedoch das Bild, die Malerei. Und wenn ihr Untertitel auch forsch "Kunst aus Deutschland von 1960 bis 2000" verspricht, bietet sie eher eine retrospektive Bestandsaufnahme mit bekannten Größen. Der Anschluss an die Zukunft zeichnet sich in dieser Auswahl nicht ab. Da hilft es wenig, dass Immendorff seinen Beitrag für den zentralen Lichthof brandneu für die Ausstellung schuf. Denn der elf Meter hohe, blaue Spiralturm reflektiert wiederum rückwärts gewandt des Künstlers Lebenswerk. Als Ausnahme erscheint Rosemarie Trockel, die, wie auch Polke, Ironie und etwas Leichtigkeit einbringt. Es wirkt entlastend nach Kiefers bedeutungsschweren Wandformaten auf Trockels jüngst entstandene "Liebes paare" zu treffen. Die Großfotos mit homo- und heterosexuellen Paaren illustrieren mögliche Stellungen und bringen in Erinnerung, wie das Leben sein könnte, einfach und lustvoll im Hier und Jetzt. Rudi Fuchs, ein unverdächtiger Gewährsmann aus Amsterdam, wurde hinzugezogen, um die historischen Hintergründe und die Relevanz der Sammlung Grothe aufzuhellen. Die mangelnde Anerkennung der zeitgenössischen deutschen Künstler, eine Geringschätzung, die damals allgemein und auch in den Museen herrschte, war das auslösende Moment, so Fuchs. Betroffen waren vor allem Künstler, die sich nicht internationalistisch anpassten, sondern bestimmte deutsche Traditionen fortsetzten, wie eben Baselitz oder Lüpertz. Richtig ist wohl, was ein renommierter Kritiker formulierte, dass heute "kein Museum mehr imstande sein wird, die Arbeit von Protagonisten der deutschen Szene seit den 70er Jahren auch nur annähernd so substantiell vor Augen zu führen". Die Sammlung Grothe wäre demnach als Stützpunkt deutscher Kunst entstanden. Beim Ausstellungsbesucher stellt sich allerdings kaum das Gefühl ein, es allzeit erkennbar mit deutscher Kunst zu tun zu haben. Vielmehr registriert er mit Befriedigung, welche Bandbreite an individuellen Positionen allein diese zwanzig Künstler zu entwickeln vermögen. Ein sehr deutsches, allerdings ganz anderes Problem scheint zu sein, dass hierzulande potente Privatsammler sehr leicht und a priori auf missgünstiges Miss trauen stoßen und ihnen manipulative Absichten unterstellt werden. Was wurde Peter Ludwig nicht für sein Machtstreben kritisiert. Heute singt man sein Lob, er habe neues Terrain erschlossen und unabhängig vom Kunstmarkt agiert. Vielleicht besteht das Problem weniger im gezielten Engagement der Sammler als in den großen "Spielräumen" und einem gewissen Machtvakuum das die theoretisch immer noch höchste Definitionsmacht und Instanz, die öffentlichen Sammlungen, zulassen.
Katalog: Gesammelte Räume – Gesammelte Träume, Kunst aus Deutschland von 1960 bis 2000, Bilder und Räume aus der Sammlung Grothe. Essays von Michael Auping, Rudi Fuchs und Fabrice Hergott und Beiträge zu den Künstlern, 368 Seiten, zahlreiche Abbildungen.
Die Ausstellung ist anschließend in Madrid zu sehen.
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